Empfehlungen verstehen
Empfehlungsmarketing in der Schweiz: So wird aus einem guten Kontakt neues Geschäft
Der Grundlagenartikel: Definition, Ablauf, B2B und B2C, Messbarkeit, typische Fehler und ein durchgerechnetes Beispiel.

Aktualisiert: TIPPO Redaktion6 Min. Lesezeit
Inhalt
Was ist Empfehlungsmarketing?
Empfehlungsmarketing bündelt alle Massnahmen, mit denen ein Unternehmen persönliche Empfehlungen bewusst auslöst, nachvollziehbar macht und bei Erfolg belohnt. Der englische Begriff Referral Marketing meint dasselbe; im Schweizer Geschäftsalltag werden beide Begriffe nebeneinander verwendet.
Wichtig ist die Abgrenzung zur klassischen Mund-zu-Mund-Propaganda. Die passiert ohnehin, ist aber zufällig und unsichtbar: Niemand weiss, wer wen empfohlen hat, und niemand bedankt sich systematisch dafür. Empfehlungsmarketing gibt diesem Vorgang eine Struktur, ohne ihn seiner persönlichen Natur zu berauben.
Drei Rollen sind immer beteiligt: das Unternehmen, das neue Kunden sucht, die empfehlende Person (privat oder im Namen einer Firma) und der empfohlene Kontakt, der am Ende entscheidet, ob er ein Gespräch möchte.
Warum eine persönliche Empfehlung anders wirkt als Werbung
Werbung erreicht viele und überzeugt wenige. Eine Empfehlung erreicht eine Person und überzeugt oft genau diese. Der Unterschied liegt in vier Faktoren:
- Vertrauen: Die Botschaft kommt von jemandem, dessen Urteil der Empfänger bereits kennt.
- Kontext: Die empfehlende Person weiss, was der Kontakt gerade braucht, und formuliert entsprechend.
- Timing: Empfehlungen entstehen meist im Moment eines konkreten Bedarfs, nicht auf Vorrat.
- Vorselektion: Wer empfiehlt, setzt den eigenen Ruf ein und empfiehlt deshalb nur, wenn es passt.
Daraus folgt: Empfohlene Kontakte sind in der Regel weiter im Entscheidungsprozess, stellen weniger Preisfragen und werden häufiger zu langfristigen Kunden. Das gilt nicht immer und nicht überall, aber häufig genug, um Empfehlungen als eigenen Kanal ernst zu nehmen.
So läuft eine vergütete Empfehlung ab
Ob mit oder ohne Plattform: Ein sauberer Ablauf hat immer dieselben Stationen. Wer sie kennt, erkennt schnell, wo das eigene Vorgehen Lücken hat.
- 1Angebot formulieren: Das Unternehmen legt fest, welche Kunden es sucht, was als Erfolg gilt (zum Beispiel ein unterschriebener Auftrag ab einem bestimmten Wert) und welche Prämie es dafür zahlt.
- 2Empfehlung aussprechen: Eine Person kennt jemanden, für den das Angebot passt, und stellt den Kontakt her – per Link, per Intro oder im Gespräch.
- 3Einwilligung des Kontakts: Der empfohlene Kontakt entscheidet selbst, ob seine Daten weitergegeben werden. Ohne diese Zustimmung passiert nichts.
- 4Geschäft entsteht: Unternehmen und Kontakt sprechen miteinander. Kommt es zum definierten Erfolg, meldet das Unternehmen den Abschluss.
- 5Verifizierung und Prämie: Der Abschluss wird bestätigt, die Prämie wird freigegeben und ausbezahlt.
Wie sich die Schritte drei bis fünf ohne CRM-Projekt umsetzen lassen, beschreibt der Artikel Empfehlungen messen und verifizieren.

B2B und B2C: Wo Empfehlungen besonders stark sind
Empfehlungsmarketing funktioniert in beiden Welten, aber mit unterschiedlicher Mechanik. Die Tabelle zeigt die wichtigsten Unterschiede.
| Kriterium | B2B | B2C |
|---|---|---|
| Typischer Auftragswert | Hoch, oft mehrere tausend Franken | Tief bis mittel |
| Entscheidungsdauer | Wochen bis Monate | Minuten bis Tage |
| Wer empfiehlt | Kunden, Partnerfirmen, Berater, Ehemalige | Freunde, Familie, Bekannte |
| Erfolgsereignis | Unterschriebener Auftrag, Mandat, Projektstart | Kauf, Abo, erste Buchung |
| Sinnvolle Prämie | Fixbetrag oder gestaffelt, dreistellig bis vierstellig | Gutschein, Rabatt, kleiner Fixbetrag |
| Grösste Hürde | Attribution über lange Zyklen | Masse ohne Qualität |
Tabelle seitlich scrollbar
In der Schweiz liegt der grösste ungenutzte Hebel im B2B-Bereich: Agenturen, Treuhänder, IT-Dienstleister, Handwerksbetriebe und Immobilienprofis leben bereits von Empfehlungen, dokumentieren sie aber selten. Mehr dazu im Artikel B2B-Empfehlungsmarketing.
Empfehlungen messbar machen
Der häufigste Einwand gegen Empfehlungsmarketing lautet: «Das kann man nicht messen.» Das stimmt nur, solange niemand den Ursprung festhält. Vier Dinge genügen, um Empfehlungen zu einem messbaren Kanal zu machen:
- Ursprung: Wer hat wann wen empfohlen? Ein persönlicher Link oder Code hält das fest.
- Status: Wo steht die Empfehlung – gesendet, angenommen, im Gespräch, abgeschlossen?
- Erfolgsereignis: Was genau muss passieren, damit die Prämie fällig wird?
- Bestätigung: Wer bestätigt den Erfolg – nur das Unternehmen oder auch der Kontakt?
Wer diese vier Punkte sauber führt, kann am Ende des Quartals sagen, wie viele Empfehlungen zu wie viel Umsatz geführt haben und was ein Neukunde über diesen Kanal gekostet hat.
Typische Fehler
- Unklares Erfolgsereignis: «Neukunde» ist keine Definition. Ein Auftrag ab CHF 5'000 mit Unterschrift ist eine.
- Prämie als Nachgedanke: Ein Betrag, der weder motiviert noch zur Marge passt, wird ignoriert. Wie man die Höhe herleitet, steht im Artikel Wie hoch sollte eine Empfehlungsprämie sein?.
- Empfehlen ohne Einwilligung: Kontaktdaten ohne Zustimmung weiterzugeben schadet dem Vertrauen aller Beteiligten.
- Versteckte Vergütung: Prämien, die niemand kennt, wirken wie Kickbacks. Transparenz ist die Grundlage.
- Kein Rückkanal: Wer empfiehlt und nie erfährt, was daraus wurde, empfiehlt kein zweites Mal.
Beispiel: Designagentur mit klarem Angebot
Was Empfehlungsmarketing in der Schweiz besonders macht
Der Schweizer Markt ist klein, regional geprägt und stark von Reputation getrieben. Das hat Folgen für die Praxis:
- Kurze Wege: In vielen Branchen kennt man sich. Eine schlechte Empfehlung spricht sich genauso herum wie eine gute.
- Diskretion: Empfehlende wollen wissen, was mit dem Kontakt passiert. Permission-first ist hier kein Nice-to-have.
- Sprachregionen: Wer über die Sprachgrenze hinweg empfohlen wird, braucht ein Angebot, das dort verständlich ist.
- Klare Rollen: Ob jemand privat oder im Namen der eigenen Firma empfiehlt, sollte offen sein – besonders bei Personen mit Beschaffungsverantwortung. Mehr dazu im Artikel Empfehlungsprämien in der Schweiz.
Wer diese Eigenheiten respektiert, baut mit Empfehlungsmarketing keinen zweiten Werbekanal, sondern eine Erweiterung des eigenen Netzwerks – und genau das ist der Punkt.
Häufige Fragen
- Ist Empfehlungsmarketing dasselbe wie Referral Marketing?
- Ja. Referral Marketing ist der englische Begriff für Empfehlungsmarketing. Beide bezeichnen das gezielte Fördern, Nachverfolgen und Vergüten persönlicher Empfehlungen.
- Für welche Unternehmen lohnt sich Empfehlungsmarketing besonders?
- Für Anbieter, bei denen Vertrauen die Kaufentscheidung prägt: Dienstleister, Handwerk, Beratung, Agenturen, IT und Immobilien. Je höher der Auftragswert und je länger die Kundenbeziehung, desto grösser der Hebel.
- Muss eine Empfehlung immer vergütet werden?
- Nein. Viele Empfehlungen entstehen ohne Prämie. Eine transparente Vergütung erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen im richtigen Moment an ein Unternehmen denken und den Kontakt tatsächlich herstellen.
- Wie unterscheidet sich Empfehlungsmarketing von Affiliate Marketing?
- Affiliate Marketing arbeitet mit Reichweite und Klicks, Empfehlungsmarketing mit persönlichen Beziehungen und konkreten Geschäftsabschlüssen. Ein ausführlicher Vergleich steht im Artikel «Affiliate Marketing vs. Empfehlungsmarketing».
Passender nächster Schritt
Empfehlungen für das eigene Unternehmen nutzen
TIPPO macht aus Empfehlungen einen messbaren Kanal: Erfolg definieren, Prämie festlegen, nur bei verifiziertem Abschluss bezahlen.
TIPPO für UnternehmenVerfasst von der TIPPO Redaktion. Beispiele und Beträge sind hypothetisch und als solche gekennzeichnet. Keine Steuer- oder Rechtsberatung.


